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„Geschichte im Gespräch“

Von gewieften Tricksern und gefährlichen Schmugglern

Im Jubiläumsjahr „100 Jahre Burgenland“ läuft in „Radio Burgenland Extra“ die Serie „Geschichte im Gespräch“. Mit Historiker Michael Schreiber spricht Kulturredakteurin Bettina Treiber diesmal über den Schmuggel zwischen dem Burgenland und Ungarn in den 1920er und 30er Jahren – eine gefährliche Zeit für Schmuggler wie Zöllner.

Durch die Grenzziehung zwischen Österreich und seinen östlichen Nachbarländern nach dem Ersten Weltkrieg wurden gewachsene Sozial-, Arbeits- und Wirtschaftsräume zerrissen. Bis dahin hatte das Burgenland durch seine Lage inmitten einer wirtschaftlichen Ost-West-Achse vom Handel mit Agrarprodukten profitiert. Mit der Errichtung der harten Grenze kam dem Burgenland allerdings der östliche Teil dieser Achse und damit ein wichtiger Absatzmarkt für diese Produkte abhanden. Im Norden brach Bratislava als wichtiger Absatzmarkt weg, während die Bezirke Eisenstadt, Mattersburg und Oberpullendorf unter dem Wegfall Soprons litten. Im Südburgenland schmerzte vor allem der Wegfall Szombathelys. Industriegebiete gab es im Westen Ungarns nicht, da Ungarn diese noch im 19. Jahrhundert nach Zentralungarn gelenkt hatte. Dadurch bedingt trat die infrastrukturelle Rückständigkeit des Burgenlandes schmerzlich in den Vordergrund.

Seljaki
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Die Bauern konnten von ihren Erträgen kaum leben

Kein Auskommen durch Landwirtschaft

Zwei Drittel der gesamten Bevölkerung waren in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Doch viele von ihnen waren Kleinbauern, die aufgrund ihrer Kapitalschwäche darüber hinaus auf Lohnarbeit angewiesen waren. Die großen Agrarflächen des Landes waren nach wie vor in den Händen des ungarischen Erbadels, der diese mit Tagelöhnern bestellte. Die Zahl der freien Arbeitsstellen war klein, die Arbeitslosigkeit in der Zwischenkriegszeit hoch. Wer in dieser Situation etwas Geld verdienen wollte, fand entlang der Grenze im Schmuggel eine Möglichkeit, sein karges Auskommen aufzubessern. Gerade in den Bereichen der Versorgung mit Nutztieren und Lebensmitteln stiegen damit in der Zwischenkriegszeit in den Ortschaften entlang der neuen Grenze die Schmuggelaktivitäten stark an. Doch nicht nur der Schmuggel hielt in den Grenzorten Einzug.

Carinarski stan u Frakanavi
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Bis in die 1950er wurde viele Zollhäuser errichtet

Neue Grenzposten aufgebaut

Mit der Etablierung der Grenze wurde auch ein neues Grenzregime installiert. Da sich die östliche Grenze Österreichs durch die Angliederung des Burgenlandes von Niederösterreich und der Steiermark weiter nach Osten verlagert hatte, wurden mit der Grenze auch die Beamten der Zollwache ostwärts verschoben. Auf österreichischer Seite wurden entlang der Grenze in den Jahren zwischen 1923 und 1950 28 Zollhäuser gebaut, um den Beamten der Zollwache Unterkunft zu geben.

Schmuggeln leicht gemacht

Die an die neue Grenze versetzten Zollbeamten – zumeist aus der Steiermark und Niederösterreich – waren ortsunkundig und hatten den Schmugglern vor Ort wenig entgegenzusetzen. Darüber hinaus waren die Beamten auch personell unterbesetzt, um in den ersten Jahren der 1920er Jahre ernsthaft gegen die Schmuggler vorzugehen. Derartige Berichte liegen beispielsweise für das untere Pinkatal vor, wo von Eberau aus ein reger Weinschmuggel mit dem ungarischen Nachbarort Prostrum betrieben wurde. Etwas weiter nördlich, rund um Schandorf, operierten gar größere Schmuggelbanden.

Vereinzelt kam es schon Anfang der 1920er Jahre zu Feuergefechten bei denen Schmuggler und Beamte verletzt oder gar getötet wurden, unmittelbar nach der Installierung der neuen Grenze dürften solche Vorfälle allerdings selten gewesen sein. Aus der Gegend um Rohrbach bei Mattersburg gibt es sogar Erinnerungen ehemaliger Schmuggler, in denen es heißt, dass es oftmals sogar ungefährlich war am hellen Tag den kürzesten Weg über die Grenze zu nehmen, da die Zollbeamten in so großen räumlichen Abständen stationiert waren, dass von ihnen keine Gefahr ausging, geschnappt zu werden, und wenn man geschnappt wurde, verfuhren sie milde.

Hinzu kam, dass die Zöllner, die ohnedies schlecht verdienten, ihren Dienst nicht immer nach Vorschrift versahen und bewusst einige Schmuggler übersahen. Diese revanchierten sich dann dadurch, dass sie den milden Zöllnern die eine oder andere geschmuggelte Gans zukommen ließen. War es also zu Beginn der 1920er Jahre noch relativ ungefährlich zu schmuggeln, so sollte sich dies bis in die 1930er Jahre ändern.

Lebensmittel als Schmuggelware

Gegen Ende der 1920er Jahre nahm die Arbeitslosigkeit im Burgenland stark zu. Arbeitslosengeld bekam nur, wer mindestens zwanzig Wochen Erwerbsarbeit im Jahr nachweisen konnte. So gab es in manchen burgenländischen Orten Anfang der 1930er Jahre mehr Arbeitslose als solche die Arbeit hatten. Vor diesem Hintergrund stiegen auch die Schmuggelaktivitäten stark an. Geschmuggelt wurden vor allem Lebensmittel: Aus Österreich schmuggelte man Textilwaren, Kaffee und Zucker aus den nahegelegenen Fabriken in Siegendorf und Hirm und brachte Lebensmittel wie Mehl, Eier oder Fleisch wieder über die Grenze nach Österreich.

Fabrika cukora u Cindrofu
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Aus der Siegendorfer Zuckerfabrik wurde Zucker nach Ungarn geschmuggelt

Die Schmuggler – meist junge Männer – gaben das geschmuggelte Gut oft an die eigenen Familienangehörigen weiter, die es wiederum auf Märkten weiterverkauften, womit es eine bestimmte Form der Arbeitsteilung innerhalb der Schmugglerszene gab. Daneben gab es auch große Schmugglerbanden mit bis zu 100 Mitgliedern, manchmal sogar mehr, die in großem Stil schmuggelten und zum Teil gut bewaffnet waren. Dadurch schaukelte sich wiederum die Gewalt entlang der Grenze zunehmend auf.

Schmuggeln wird lebensgefährlich

Zollbeamte sahen sich durch die potenzielle Gefahr auf bewaffnete Schmuggler zu stoßen immer häufiger dazu veranlasst von ihrer Schusswaffe Gebrauch zu machen. 1932 erreichte die Gewalt an der Grenze einen traurigen Höhepunkt und 240 Bundesheersoldaten wurden der Zollwache zur Seite gestellt. In einer koordinierten Aktion wurde beispielsweise der Ort Rohrbach von Beamten der Zollwache, der Gendarmerie und Soldaten des Bundesheeres umstellt, einige Schmuggler nach vorgefertigten Listen verhaftet und nach Loipersbach zum Verhör gebracht. Diese Listen zeigen, dass auch innerhalb der Schmuggler konkurrierendes Verhalten gab und man sich dadurch Vorteile verschaffte, indem man die andere Bande bei den Behörden anzeigte.

Raffinierte Tricks in Kroatisch Minihof

Durch einen Erlass, der die Einfuhr von Vieh nach Österreich verbot, stieg die Zahl der lebend geschmuggelten Tiere stark an. 1933 überstieg der illegale Viehhandel zeitweise sogar den legalen Handel mit Nutztieren. Die Methoden, die für diese Form des Schmuggels genutzt wurden, waren äußerst einfallsreich. In Kroatisch Minihof, wo es zum Teil enge Sozialkontakte mit der Nachbargemeinde Und gab, wurde besonders raffiniert geschmuggelt. Nach Und wurde die Nachricht abgesetzt, dass man für einen bestimmten Tag einen Ochsen brauche, worauf dieser auf ungarischer Seite von den Kontakten in Und besorgt wurde.

Voli pri onanju
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Auch Tiere wurden geschmuggelt

Am vereinbarten Tag ging der burgenländische Schmuggler dann mit einem Ochsen über die Grenze, um eines seiner Felder, die nach der Grenzziehung in Ungarn lagen, zu bearbeiten. Er wartete bis es zur Wachablöse kam – denn die neuen Zollbeamten wussten nicht, wie viele Ochsen er am Vormittag über die Grenze mitgenommen hatte – daraufhin kehrte der Schmuggler mit zwei Ochsen nach Kroatisch Minihof zurück.

Sendungshinweis

„Radio Burgenland Extra“, 29.4. 2021, 20.04 Uhr

„100 Jahre Burgenland“ im ORF Burgenland

Auch die Volksgruppenredaktion des ORF Burgenland widmet sich ein Jahr lang dem Jubiläum „100 Jahre Burgenland“. In 50 Hörfunk-Beiträgen, die jeden Montag um 18.15 Uhr in kroatischer Sprache auf Radio Burgenland zu hören sein werden, erzählt Schreiber die Geschichte des Burgenlandes beginnend mit den ersten Eingliederungsideen und dem Nikitscher Aufstand bis hin zur Rolle der Esterhazys – mehr dazu in Povijest Gradišća od samih početkov.

Historiker Michael Schreiber von der Burgenländischen Forschungsgesellschaft
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Historiker Michael Schreiber von der Burgenländischen Forschungsgesellschaft

In Anlehnung an die wöchentliche Serie in der Volksgruppen-Kultursendung ist in „Radio Burgenland Extra“ die 13-teilige Gesprächsreihe mit Historiker Michael Schreiber in deutscher Sprache zu hören. Unter dem Titel „100 Jahre Burgenland – Geschichte im Gespräch“ führt Kulturredakteurin Bettina Treiber Interviews mit dem 32-jährigen Historiker aus Nikitsch zur Geschichte des Burgenlandes. Die Gesprächsreihe wird jeden letzten Donnerstag im Monat um 20:04 Uhr in „Radio Burgenland Extra“ ausgestrahlt.