Pflegende Angehörige

Unsere Lebenserwartung steigt - und damit auch die Zahl der Menschen, die zuhause von ihren Angehörigen gepflegt werden. Das ist belastend und führt oft zu Problemen. ORF Burgenland Familiencoach Veronika Pinter hat Tipps.

Etwa 435.000 Menschen in Österreich beziehen Pflegegeld. 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Die Hauptlast der Pflege tragen dabei fast immer die eigenen Angehörigen, was nicht selten dazu führt, dass diese zwischen Belastung und Überbelastung schwanken.

Viele Pflegende scheuen sich rechtzeitig professionelle Unterstützung anzunehmen oder für Entlastung zu sorgen, weil sie den Eltern versprochen haben für sie zu sorgen oder weil finanzielle Überlegungen eine Rolle spielen.

Beglückende Erfahrungen

Es gibt aber auch noch andere Gründe, warum Töchter oder Söhne die Pflege der Angehörigen übernehmen und manchmal sogar dafür bereit sind, die eigene Arbeit aufzugeben.

Die meisten Kinder lieben ihre Eltern und sind dankbar für alles, was sie im Leben von ihnen erhalten haben und es ist ihnen ein Anliegen, dass es den Eltern auch im letzten Lebensabschnitt gut geht. Mit solch einer positiven Einstellung kann diese gemeinsam verbrachte Zeit noch besonders schöne und beglückende Erfahrungen für Kinder und Eltern bringen.

Das Ansehen der Älteren

Welches Ansehen genießen alte Menschen in der Gesellschaft? In unserer Gesellschaft wird das Ansehen oft an persönlicher Leistung oder am Einkommen gemessen. Es fördert auch nicht gerade das Zusammenleben, wenn wir ständig hören, welche Kosten – Pensionen, Spitalsaufenthalt, Medikamente, Pflegegeld usw. - alte Menschen verursachen oder wenn dauernd über die „Überalterung der Gesellschaft“ debattiert wird.

Diese Bilder vermitteln den Eindruck, dass ältere Menschen eine Bedrohung darstellen und wir brauchen uns dann nicht zu wundern, dass alte Menschen nicht immer die Achtung erhalten, die ihnen zusteht.

Überlastung bringt Lieblosigkeit und Gewalt

Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, kommt es allerdings rasch dazu, dass die Beziehung zwischen Pflegenden und alten Menschen leidet. Überlastung zeigt sich an vielen kleinen Lieblosigkeiten und Handlungen, die kränken oder als verletzend empfunden werden. Respektloser Umgang, nicht-Einbeziehen in Entscheidungen, die den Pflegenden betreffen, z. B. in finanziellen Angelegenheiten, Ungeduld bei der Pflege oder beim Essen-Eingeben. Unterlassung von Hilfestellung oder mangelnde Pflege sind bereits Anzeichen von Gewalt, die oft vorkommen und selten angesprochen werden. Dass jeder Mensch einmal ungeduldig oder genervt reagiert, kommt wahrscheinlich in jeder Beziehung vor, zum Problem wird es dann, wenn die Lieb- und Respektlosigkeit zur Gewohnheit geworden ist.

Belastung für die ganze Familie

Dass alle Familienmitglieder in einer Krise oder im Krankheitsfall zusammenhalten, entspricht eher einer Wunschvorstellung, besonders wenn vielleicht jahrelange Unterstützung notwendig wird. Häufig kommt es zu Streitigkeiten zwischen den Geschwistern oder der ganzen Familie, wenn plötzlich ein Elternteil dauernde Unterstützung benötigt und wenn zusätzlich alte Konflikte die Beziehungen belasten.

Viele alte Menschen leiden darunter, dass sie Hilfe und Unterstützung annehmen müssen. Deshalb ist es ganz wichtig sie in alle Entscheidungen, die sie betreffen, einzubinden, damit sie nicht weiter verunsichert werden. Viele Menschen haben auch Schmerzen oder hadern mit ihrem Schicksal oder mit Gott, wenn sie Hilfe annehmen müssen.

Auch von alten Menschen geht oft Gewalt aus

Alte oder kranke Menschen sind nicht friedlicher als andere. Sie sind meist so, wie sie immer schon waren, und besonders Kranke drücken ihr Unbehagen sehr häufig in Form von Aggressionen gegenüber den Pflegenden aus. Vor allem demente Patienten wissen mitunter gar nicht, wen sie vor sich haben und ist der Pflegende selber sehr erschöpft und verzweifelt, kann die Sache eskalieren.

Geben Sie nicht mehr Unterstützung als notwendig. Vor allem, wenn die Mobilität eingeschränkt ist, ist es für das Selbstbewusstsein ganz wichtig, dass die Angehörigen alle Aufgaben, die der zu Pflegende selber erledigen kann, diesem überlassen. Zu viel Fürsorge führt zu Inaktivität und Hilflosigkeit. Es bringt für beiden Seiten eine größere Entlastung, wenn die Räumlichkeiten so adaptiert werden, dass diese möglichst barrierefrei und pflegegerecht sind.

Pflegende brauchen eine Auszeit

Ganz wichtig: Pflegende brauchen Unterstützung und Erholung. Jeder Mensch braucht für seine eigenen Bedürfnisse eine gewisse Auszeit vom Alltag. Umso wichtiger sind solche Erholungsphasen für Menschen, die unter starken psychischen Belastungen stehen. Neben der körperlichen Anstrengung sind es vor allem die Verantwortung für die Schützlinge und die ständige Verfügbarkeit, die enorm viel Kraft kosten.

Sendungshinweis:

„Radio Burgenland Vormittag“, 31.10.12

Damit sich später kein schlechtes Gewissen regt, sollten am Anfang jeder Pflege für die Hauptpflegenden genügend Unterstützung, Erholung und Auszeit vereinbart werden. Neben den zahlreichen Pflegediensten gibt es auch Pflegeheime, die für kurze Zeit oder mehrere Wochen sogenannte Urlaubsbetten anbieten.

Es liegt auch an den Älteren, den Pflegenden das schlechte Gewissen und den psychischen Druck zu nehmen, indem sie bereit sind auch fremde Unterstützung anzunehmen.