Missstände: Heimleitung tritt zurück

In dem Kinder- und Jugendwohnheim Villa Mia in Gols (Bezirk Neusiedl am See) soll es zu Übergriffen von älteren auf jüngere Kinder gekommen sein. Die Polizei soll schon „seit Monaten“ ermitteln. Die Heimleitung hat nun ihren Rücktritt verkündet.

Die bisherige Leitung des Kinder- und Jugendwohnheims Villa Mia in Gols (Bezirk Neusiedl am See) ist am Donnerstag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Die Nachfolgerin Silvia Beck veröffentlichte folgende Stellungnahme: „Ich bitte Sie, dass Sie respektieren, dass wir das Haus und die Kinder schützen wollen. Dieser Vorfall ist bereits alt und wir haben alle erforderlichen Unterlagen und Informationen nachweislich bereits vor eineinhalb Jahren an die übergeordnete Behörde (Jugendamt) weitergeleitet. Wir unterstützen bereits die Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung. Bitte respektieren Sie das zum Wohle der Kinder.“

Norbert Darabos im Interview

Der zuständige Landesrat Darabos sagt im Interview mit Martin Ganster: „Das Land hat richtig gehandelt.“

Polizei ermittelt „seit Monaten“

Die am Mittwoch bekannt gewordenen angeblichen Übergriffe in der betreuten Wohngemeinschaft - mehr dazu in Vorwurf: Schwere Missstände in Wohnheim - beschäftigen bereits seit einiger Zeit die Polizei. Die dahin gehenden Ermittlungen des Landeskriminalamtes würden bereits „seit ein paar Monaten“ laufen, sagte Staatsanwaltschafts-Sprecher Roland Koch am Donnerstag gegenüber der APA.

Die Erhebungen wären nach einer Anzeige seitens eines Jugendwohlfahrtträgers, der für einige der in der Einrichtung untergebrachten Kinder zuständig ist, eingeleitet worden. Die Ermittlungen gingen in Richtung sexueller Missbrauch und betreffen einen der Heimbewohner, sagte Koch und bestätigte damit einen Bericht des „Kurier“ (Burgenland-Ausgabe). Der Vorwurf laute, dass dieser für die Übergriffen verantwortlich sei.

Bettina Horvath, leitende Sozialarbeiterin des Landes Burgenland, erklärte, dass die Fachabteilung erst Anfang September in einem Schreiben der Volksanwaltschaft auf die Probleme in der Einrichtung hingewiesen worden wäre. Dass Missstände bereits vorher bekannt gewesen wären, „stimmt so nicht“, meinte Horvath. Vor September habe es keine Hinweise in Richtung der nun vorgeworfenen Übergriffe gegeben. Auch dahin gehende Gefährdungsmeldungen wären nicht bekannt gewesen.

Darabos: „Kein Fehler der Behörden“

Die Missbrauchsfälle täten ihm sehr leid für die Familien, aber seine Behörden hätten keine Fehler gemacht, so Darabos zu den Vorfällen, die am Mittwoch bekannt wurden - mehr dazu in Vorwurf: Schwere Missstände in Wohnheim. „Wir haben im letzten Jahr eine Kenntnis bekommen, dass dort etwas passiert sein könnte. Wir haben aber auch von Seiten der Behörden damals schon die Konsequenzen gezogen, diesen Jugendlichen, der hier beschuldigt wird auch andere missbraucht zu haben, von dem Platz, wo er war, wegzubringen“, so die klare Aussage von Darabos am Donnerstag

Norbert Darabos zieht Bilanz nach Eurofighter-Ausschuss

ORF

Landesrat Norbert Darabos (SPÖ)

Andere Kinder jahrelang sexuell missbraucht

Volksanwalt Günter Kräuter berichtete von weinenden Kindern, von Übergriffen älterer Kinder und einem Klima der Angst und davon, dass der Fall des 15-jährigen Burschen, der andere Kinder jahrelang sexuell missbraucht haben soll, seit etwa eineinhalb Jahren bekannt war. Trotzdem soll der Bursche erst am Freitag das Heim verlassen.

Die betroffene Einrichtung hätte schon im Vorjahr informiert: „Im Zuge einer Gefährdungsmeldung durch die Einrichtung im August 2016 wurden der Behörde sexuelle Übergriffe unter den minderjährigen Bewohnern bekannt“, teilte die Volksanwaltschaft am Donnerstag auf APA-Anfrage mit.

Nach einer anonymen Eingabe habe sich die Volksanwaltschaft im August 2017 an die Burgenländische Landesregierung gewendet. Im Juli und September dieses Jahres habe es weitere Berichte - unter anderem von der zuständigen Polizeiinspektion - über sexuelle Übergriffe gegeben.

Am 22. November 2017 habe die Kommission der Volksanwaltschaft im Zuge eines unangekündigten Besuches festgestellt, dass „keine ausreichenden Maßnahmen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen getroffen wurden“. Volksanwalt Günther Kräuter habe die Landesregierung „zum unverzüglichen Handeln“ aufgefordert.

Günther Kräuter

ORF

Volksanwalt Günther Kräuter

Vom Gesetz her sei mindestens eine Kontrolle pro Jahr vorgeschrieben. Heuer wäre die Einrichtung zumindest dreimal durch die Fachabteilung kontrolliert worden. Dabei wäre nichts in Richtung eines angstbesetzten Klimas und weinender Kinder - wie von der Volksanwaltschaft behauptet - bemerkt worden. „Wir haben bei den Kontrollen vor Ort andere Situationen vorgefunden als von der Volksanwaltschaft jetzt geschildert“, meinte die leitende Sozialarbeiterin.

Nach Einlangen des Schreibens Anfang September wären sofort Maßnahmen getroffen worden. Man nehme einen jeden Hinweis ernst, so Horvath. Ein mutmaßlich übergriffiger Jugendlicher werde morgen, Freitag, in eine andere Einrichtung überstellt.

„Jugendliche kann nicht in der Einrichtung bleiben“

Gerald Herowitsch-Trinkl vom Dachverband österreichischer Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen kennt den Fall nur aus den Medien. Er meinte aber dazu: „Bei so einem Fall kann der Jugendliche auf gar keinen Fall in der Einrichtung bleiben.“

Die Volksanwaltschaft hatte kritisiert, dass die Mitarbeiter des Jugendwohnheims offenbar völlig überfordert war. Wie es mit dem Fall - insbesondere mit dem Heim selbst - weitergeht, ist noch unklar. Für Donnerstagnachmittag ist eine weitere Stellungnahme von Landesrat Darabos angekündigt.

ÖVP fordert rasche Aufklärung und Offenlegung

ÖVP-Klubobmann Christian Sagartz und der zweite Landtagspräsident Rudolf Strommer fordern nach den Missbrauchsvorwürfen rasche Aufklärung. SPÖ-Landeshauptmann Hans Niessl und vor allem Darabos sollen offenlegen, was sie wussten und wie lange. An Darabos wurde eine Landtagsanfrage gestellt, um Informationen einzufordern, so Sagartz. Strommer fordert, dass politische Konsequenzen gezogen werden: "Wenn sich das bewahrheitet, dass die Behörde seit eineinhalb Jahren davon wusste, und, dass politisch verantwortliche und zuständige Regierungsmitglieder ebenfalls, dann müssen sich Behördenleiter im Bezirk Neusiedl am See, in der Sozialabteilung und auch das zuständige Regierungsmitglied gut überlegen, ob sie in diesen Funktionen verbleiben können.

Burgenlands Grüne fordern strukturelle Änderungen: Die Qualitätskriterien bei der Vergabe von Betreuungsaufträgen müssten überarbeitet werden, verlangte Landessprecherin Regina Petrik in einer Aussendung. Es könne nicht sein, dass Betreuungspersonen keine hochwertige pädagogische oder psychologische Ausbildung hätten. Auch das Leitungspersonal müsse eine fundierte Ausbildung und Erfahrung aufweisen können. Wirksam sei nur langfristige Qualitätssicherheit, stellte Petrik fest, die sich über die bekannt gewordenen Vorwürfe „schockiert und tief betroffen“ zeigte. Nun gelte es, „dafür zu sorgen, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen unverzüglich eine Therapiemöglichkeit bekommen und in für sie emotional sicheren Wohnverhältnissen betreut werden.“