Wenn Kinder schweigen
Ein Beispiel einer verzweifelten Mutter: "Mein Sohn ist achtzehn Jahre alt. Er hat jetzt die zweite Lehre abgebrochen und sitzt den ganzen Tag nur vor dem Computer. Er redet nicht mehr mit mir. Ich komme mir vor, wie wenn ich gegen eine Wand reden würde. Ich reagiere darauf häufig mit Wutausbrüchen oder Drohungen, dass ich ihn aus der Wohnung schmeißen werde. Sein Vater kümmert sich nicht um ihn, die ganzen Sorgen um meinen Sohn bleiben bei mir hängen. Was kann ich tun, damit ich wieder einen besseren Kontakt zu ihm finde und mit ihm über seine Zukunft sprechen kann?“
Schwierige Situation
Es ist schwierig, mit jemandem zu sprechen, der offensichtlich nicht reden kann oder möchte. Es fällt uns auch schwer dieses Verhalten zu akzeptieren, denn es löst wahrscheinlich sehr heftige Gefühle wie Ärger, Wut, Hilflosigkeit, Unruhe, Schuldgefühle oder Abscheu und Scham aus. Wenn wir die eigenen Gefühle wahrnehmen und uns selber einmal beruhigen, dann gelingt es uns besser, dieses Verhalten richtig zu interpretieren, denn auch Nicht-Kommunizieren sagt einiges über die Gefühle des Kindes aus.
Wir könnten uns z. B. fragen, warum der junge Mann sich in sein Zimmer zurückzieht und den Kontakt zur Mutter und zur Umwelt vermeidet. Wie sieht die Mutter-Sohn-Beziehung aus? Was waren die Gründe für die Auflösung der Lehrverhältnisse? Wie hat die Mutter darauf reagiert? Hat der Sohn Beziehungen zu Freunden oder anderen Verwandten? Wie geht es der Mutter, wenn sie vor verschlossener Tür steht? Wie reagiert sie auf sein Schweigen?
Schweigen und Rückzug als Reaktion
Wenn die Beziehung zwischen den Eltern und Kindern passt, wird auch eine unangenehme Nachricht keine tiefere Krise auslösen, sondern es wird wahrscheinlich nach einem kurzen Donnerwetter eine Reihe von Gesprächen geben, in denen Lösungen gesucht und gefunden werden.
Liegt allerdings eine Störung vor, passiert genau das, was die Kommunikationspartner einander prophezeien. Eltern: „Aus dir wird nie was.“ Kind: „Die verstehen überhaupt nichts.“ Aus dieser Frustration heraus entsteht manchmal die Situation, dass einer mit Rückzug und Schweigen reagiert.
Wenn es nicht genügend Austausch gibt, bleibt viel Raum für Interpretationen und Projektionen. Mit der Zeit entsteht ein richtiges Feindbild, wo selbst harmlose Verhaltensweisen als Angriffe gedeutet werden können: „Er spricht nicht mit mir. Er ist undankbar. Was hat er denn? Habe ich was falsch gemacht? Ich bin eine schlechte Mutter.“
Umgang mit Schweigen
Wenn Sie wirklich etwas ändern wollen, sollten Sie Ihr Kind um ein Gespräch bitten und sich auf einige Gesprächsregeln einigen. Einer spricht, einer hört zu. Keine Unterbrechungen. Keine Angriffe. Attacken auf ein bestimmtes Verhalten bewirken höchstens einen Gegenangriff oder noch mehr Rückzug. Sehr viel konstruktiver ist es, wenn man darauf hinweist, wie man die Sprachlosigkeit selbst erlebt und wie man sich dabei fühlt.
„Mit geht es nicht gut, wenn du in deinem Zimmer sitzt und mit mir nicht sprichst. Ich möchte wissen, wie es dir geht und was dich beschäftigt. Wie denkst du darüber?“ Solche Gespräche können sehr bedeutsam und hilfreich sein, können aber auch sehr schnell an Bedeutung verlieren, wenn es wegen jeder Kleinigkeit zu einer Aussprache kommen muss.
Gespräche lösen Reaktionen aus
In jedem Gespräch geht es um Inhalte und die Beziehung. In jedem Gespräch werden nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern durch Mimik, Gestik und Tonfall werden beim Gegenüber verschiedene Reaktionen ausgelöst, d.h. dieselbe Nachricht kann ganz verschiedene Reaktionen auslösen und den weiteren Gesprächsverlauf beeinflussen. So kann z. B. die Information, dass der eigene Sohn die Lehre abgebrochen hat, bei verschiedenen Eltern unterschiedliche Reaktionen auslösen.
Manche Eltern würden mit Moralpredigten, Drohungen und Mahnungen reagieren, andere mit Verständnis und Trost, es könnte auch sein, dass andere dem Lehrherrn die Schuld in die Schuhe schieben würden oder dass manche die Schuld bei sich selber suchen würden.
Problem erkennen und lösen
Zunächst muss das Problem erkannt werden. Was war der Grund für die Auflösung des Lehrverhältnisses? Dabei ist es wichtig, zwischen echten und Pseudoproblemen zu unterscheiden.
In unserem Fall muss auch geklärt werden, ob es zwischen den beiden gescheiterten Lehrverhältnissen Zusammenhänge oder Ähnlichkeiten gibt, die zur Auflösung führten.
Wie soll es weitergehen? Welches Ziel bzw. welche Lösungen sollten dazu führen. Möglichst viele Ideen und Möglichkeiten entwickeln. Bewerten Sie gemeinsam die Optionen und planen Sie konkrete Schritte.

