Vorwurf: Schwere Missstände in Wohnheim

Die Volksanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe wegen „inakzeptabler Zustände“ in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft im Nordburgenland. Es soll zu Übergriffen von älteren auf jüngere Kinder und vermutlich auch zu sexuellem Missbrauch gekommen sein.

Eine Expertenkommission der Volksanwaltschaft habe die sozialpädagogische Wohngemeinschaft am 22. November 2017 unangekündigt besucht, so Volksanwalt Günther Kräuter. Zwei Tage darauf habe er sich an das Land Burgenland gewandt, da sofort gehandelt werden müsse. Die Erkenntnisse der Kommission sind alarmierend.

Kräuter: Kinder berichteten von Klima der Angst

„Die Einrichtung scheint mit der Aufgabe der Betreuung, Versorgung und dem Schutz der Kinder völlig überfordert zu sein“, so Kräuter. Die befragten kleineren Kinder hätten unter Tränen gebeten, die Einrichtung verlassen zu dürfen und zum Teil von Übergriffen älterer Kinder und einem Klima der Angst berichtet.

Günther Kräuter
ORF
Volksanwalt Günther Kräuter erhebt schwere Vorwürfe

Kräuter: Jahrelanges Behördenversagen

Es sei seit fast eineinhalb Jahren bekannt, dass es in der Wohngemeinschaft diese Probleme gebe, so Kräuter. Bezirkshauptmannschaft und Land hätten durch verschiedene Gefährdungsmeldungen - auch durch Schreiben der Volksanwaltschaft - davon Kenntnis gehabt. So habe ein 15-Jähriger Mädchen und Buben vermutlich sexuell missbraucht, und es sei nichts unternommen worden, lautet der schwere Vorwurf. Dass nun endlich mit 1. Dezember 2017 eine Verlegung des Burschen geplant sei, ändere nichts am jahrelangen Behördenversagen.

Insgesamt werde in dieser Einrichtung nicht dem gesetzlichen Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe entsprochen, so Kräuter: „Kinder haben ein Recht auf ein Aufwachsen ohne Gewalt.“ Die Volksanwaltschaft kündigt nach Vorlage des Gesamtberichtes der zuständigen Expertenkommission weitere Feststellungen an.

Leitende Sozialarbeiterin: Sehr betroffen

„Der Bericht der Volksanwaltschaft über die Wohngemeinschaft hat uns sehr betroffen gemacht“, sagte die leitende Sozialarbeiterin des Landes Burgenland, Bettina Horvath, zu den Vorwürfen. Es seien von den Behörden aber bereits vor einiger Zeit Maßnahmen ergriffen worden, um „die offenbar aufgetretenen grenzüberschreitende Handlungen zwischen Jugendlichen“ zu beenden.

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Bettina Horvath zu den Vorwürfen

Im Interview mit ORF-Burgenland-Redakteur Hannes Auer spricht Horvath über den Fall.

Im Auftrag des zuständigen Landesrates Norbert Darabos (SPÖ) würden durch die Abteilung Soziales und Gesundheit weiterhin alle weiteren notwendigen Schritte so rasch wie möglich gesetzt, um die betroffenen Kinder vor weiteren Vorfällen zu schützen. Darabos selbst war bis jetzt für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Landeskriminalamt ermittelt

Zur Klärung der im Raum stehenden Vorwürfe arbeiteten die Sozialarbeiter und Juristen des Landes intensiv mit dem Landeskriminalamt zusammen, das derzeit in dieser Angelegenheit ebenfalls ermittle, so Horvath. Der mutmaßlich übergriffige Jugendliche werde jedenfalls auf Initiative des Landes per 1. Dezember 2017 in eine andere Betreuungseinrichtung überstellt.

Horvath kündigt Sofortmaßnahmen an

Die bisher stattgefundenen regelmäßigen behördlichen Kontrollen der Kinder- und Jugendhilfe ebenso wie die Kontrolle der Volksanwaltschaft im Juni 2016 hätten vor September 2017 keine diesbezüglichen Beanstandungen ergeben, so Horvath. Bis zur endgültigen Klärung der Vorwürfe seien einige Schutzmaßnahmen für die Kinder angeordnet worden. So solle der mutmaßlich übergriffige Jugendliche besonders beaufsichtigt und nicht mehr mit anderen Kindern allein gelassen werden. Außerdem soll vor allem nachts mehr Personal in der Wohngemeinschaft eingesetzt werden.

Am wichtigsten sei es jetzt, die betroffenen Kinder gut zu betreuen und vor weiteren Vorfällen zu schützen, sagte Horvath. Deswegen habe man die entsprechend vorbereitete und fachlich begleitete Verbringung der Jugendlichen in andere Einrichtungen angeordnet.

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